• Rudolf Diesel, Erfinder des Dieselmotors, 1895
  • Albert Einstein, Erfinder der Relativitätstheorie, 1905-1915
  • Max Planck, Schöpfer der nichtklassischen Physik, 1900
  • Otto Lilienthal, Erfinder des Flugzeugs, 1891
  • Philipp Reis, Erfinder des Telefons, 1861
  • Carl Benz, Erfinder des Autos, 1886
  • Rudolf Diesel, Erfinder des Dieselmotors, 1895
  • Albert Einstein, Erfinder der Relativitätstheorie, 1905-1915
  • Max Planck, Schöpfer der nichtklassischen Physik, 1900
  • Otto Lilienthal, Erfinder des Flugzeugs, 1891
  • Philipp Reis, Erfinder des Telefons, 1861

Die ganze Geschichte

Braun Bild1

Braun A4 abraun Briefmarke Bolivien4Bild 1 und 2. Wernher von Braun hatte die Vision einer Raumstation, schoss die erste Rakete A4 ins All.

Wernher von Braun

Der Start. Die A4 auf dem Starttisch am Ostseestrand. Das Wetter ist ausgezeichnet. Würde es jetzt endlich gelingen, nach so vielen Fehlschlägen? Aus dem Lautsprecher des Prüfstandes VII: X minus 3, Zeit läuft! Die Spannung wächst, der schwarz-weiße Pfeil steht hochaufgereckt, aus dem Heck strömen Wolken flüssigen Sauerstoffs,  X minus 2… X minus 1…Zündung! Ein donnernder rotgelber Gasstrahl, das Abwurfkabel fällt vom Kopf der Rakete herab. Ein Ruck geht durch den schlanken Körper, einen röhrenden Flammenschweif ausspeiend steigt sie höher und höher, Jubel der Zuschauer. Sie jagt in die blaue Tiefe des Himmels hinein. Völlig losgelöst von der Erde schwebt das Raumschiff völlig schwerelos… wie im Lied von Major Tom!

Am 3. Oktober 1942 um 15:58 erreichte ein von Menschen gemachtes Objekt, die Flüssigkeitsrakete A4, zum ersten Mal eine Höhe von 83 km, die Schwelle des Weltraums war erreicht. Sie wurde vom Prüfstand VII der Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf der Insel Usedom gestartet. Nach mehr als zwölf langen Jahren der Entwicklung mit mehr Rückschlägen als Fortschritten war dies ein enormer Triumph für den kreativen Wissenschaftler Wernher von Braun   (* 1912 Wirsitz/Westpreußen, † 1977 Virginia/USA) und seine Ingenieure.

Braun Oberth BuchBraun Oberth Portrait A

Bild 3 und 4. Hermann Oberth - der geistige Vater der deutschen Rakete.

Braun Prüfstand VII BBild 5 (unten). Peenemünde auf der Insel Usedom, Prüfstand VII - Start in den Weltraum.

Ihre Träume von der Eroberung des Weltraums schienen wahr zu werden, Träume, die sie verfolgt hatten, seit Hermann Oberth, der deutsche Raketenpionier 1923 sein Buch „Die Rakete zu den Planetenräumen“ veröffentlicht hatte. Heute wurde das Weltraumschiff geboren! riefen sie aus. „Grenzüberschreitungen“ scheinen ein in den Genen des Menschen verankertes Charaktermerkmal zu sein, hinter den Horizont zu blicken und ins Unbekannte vorzustoßen: z.B. die seefahrenden Entdecker, die Afrika-, Polar-, Tiefsee-, Höhlen-Forscher und Extrembergsteiger, die Flugpioniere und heute die Wissenschaftler am Forschungs-Institut CERN in Genf, die tief ins Innere der Materie vordringen. Das war das Ziel der Peenemünder Raketen-Ingenieure, die auf diese Weise eine Raumstation schaffen wollten, von der aus die Himmelskörper des Sonnensystems erkundet werden könnten.

Braun RaketenprinzipBild 6. Das Raketenprinzip - nicht so schwer zu verstehen.

Für die neue große Aufgabe, die Schübe von mehr als 250000 N (Newton) erforderte, waren feste Pulverbrennstoffe, wie z.B. in kleinen Kriegsraketen, nicht geeignet, da der ganze Raketenkörper dem hohen Verbrennungsdruck und der Temperatur nicht standhalten kann, ebensowenig die ungekühlte Schubdüse. Daher  wandten sich die deutschen Wissenschaftler und Ingenieure den flüssigen Treibstoffen zu.

Beim ersten erfolgreichen Schuss wurden 83 km Höhe und 190 km Weite erreicht, später 287 km Weite. 1944 erzielte eine A4 bei einem Senkrecht-Schuss von der Insel Oie bei Peenemünde eine Rekordhöhe von 189 km; der Weltraum war erreicht. Braun Fluchtgeschwindigkeit A

Bild 7. 11180 m/s oder 40250 km/h Geschwindigkeit muss ein Körper auf der Erdoberfläche erreichen, um das Schwerefeld der Erde zu verlassen.

Braun A4 SchnittBild 8 und 9 (unten). Weltraumrakete A4, Masse 13000 kg, Höhe 14 m, max. Schub 712000 N, Geschwindigkeit 5760 km/h.

Es gab viele Schwierigkeiten, auch noch nach 1942: Steuerungsversagen, Heckbrände, Undichtheiten, Abkippen der Rakete beim Start, Auseinanderbrechen in der Luft; das war kein Wunder bei 20000 Einzelteilen; über die Jahre wurden 60000 Verbesserungen durchgeführt! Hier, wie überall in der Ingenieurtechnik, gibt es keinen absoluten Fehlschlag, sondern aus jedem Ereignis werden wichtige Daten gewonnen, durch die man wieder voran kommt.

Die Waffe. Sie hatten einen Traum, machten eine bahnbrechende Erfindung, mussten aber immer mehr feststellen, dass sie an einer der tödlichsten Massenvernichtungs-Waffen des 2. Weltkrieges arbeiteten. Der Rubikon war tatsächlich schon Mitte der 1930er überschritten und lange vor 1942 waren sie von einem der schlimmsten Terrorregime, das die Welt je gesehen hat, missbraucht. Es wurden 5975 Stück produziert (jetzt von der Staatspropaganda in „V2“ umbenannt), 4300 wurden abgefeuert, 35000 Tote hinterlassend, eingeschlossen die 20000 unter unmenschlichen Bedingungen im unterirdischen Kohnstein im Harz schuftenden KZ-Insassen. Sie nahmen diese „Nebenwirkungen“ billigend in Kauf beim Verfolgen ihres Ziels „Weltraum“. Obwohl an dieser Waffe so viel Blut klebte, starteten nach dem Krieg die Alliierten geheime Missionen, die deutschen Wissenschaftler, Ingenieure, Archive, ganze Raketen und Teile für sich zu vereinnahmen…für den nächsten Feind.

Für die Briten feuerten 600 Deutsche zwei A4-Raketen in Cuxhaven ab. Die Russen verpflichteten 5000 Spezialisten, bauten 12 Stück in Bleicherode zusammen und schossen sie in Kapustin Jar an der Wolga in Russland ab. Die Amerikaner Braun Raketenprinzip Btransportierten 70 Stück A4 nach New Mexico in die Wüste, zusammen mit Wernher von Braun und 118 Spezialisten. Die Abschüsse in White Sands ersparten ihnen zwölf Entwicklungsjahre. Die Franzosen beschäftigten ab 1947 120 Peenemünder in Vernon, die zur Weltgeltung der französischen Raketen-Industrie wesentlich beitrugen. So wurde die A4/V2 die Mutter aller späteren Raketen. In den USA wurden daraus die Redstone, Jupiter C und Saturn 5, in Russland wurde der Sputnik mit einer auf der deutschen Technologie basierenden Wostok-Rakete in den Orbit geschossen. Und in Frankreich wurde aus der A4 die kleine Véronique und später die Europa-Rakete Ariane mit dem Viking-Triebwerk.

Braun A4TriebwerkBild 10. Das Herz der Rakete: Turbogruppe, links O2-Pumpe, Mitte Turbine, rechts Brennstoffpumpe,

Wer war Wernher von Braun? Ja, wer war dieser westpreußische Freiherr, der Vater der Weltraumfahrt wurde? Schon als Kind interessierte er sich sehr für Naturwissenschaften. Als er Oberths Buch gelesen hatte, wurden die utopischen Abenteuer-Romane von Jules Verne für ihn ganz real. Als er 13 war, kaufte er sich Feuerwerksraketen, band sie auf einen kleinen Spielzeug-Leiterwagen, postierte das Gefährt auf einen Weg im Berliner Tiergarten, zündete das Bündel und sah voller Begeisterung, wie der Wagen davonschoss. Weniger begeistert waren die Spaziergänger, die sich plötzlich bedroht fühlten und den ungeheuerlichen Vorgang der Polizei meldeten. Aber da hatte er den Satz von der „Erhaltung des Impulses“ schon in der Praxis erprobt.

Bis dahin war er als 14-Jähriger sehr schlecht in Mathe und Physik, weil er den praktischen Nutzen der Formeln, die er lernen musste nicht einsehen konnte. Nach eigener Aussage blieb er sogar sitzen. Dann jedoch war er schockiert, als er entdeckte, wieviele mathematische Gleichungen das klassische Buch von Oberth enthielt. Er sah nun, dass der Weg zu seinem Ziel mit Mathematik gepflastert und ohne sie nicht zu erreichen war, und so büffelte er Mathe, gewann sogar Gefallen daran und sah plötzlich, wie trockene Physik mit Leben erfüllt wurde. Er vertrat sogar den erkrankten Lehrer auf dem Gymnasium. Seine Begeisterung für die Astronomie wurde von seiner Mutter geweckt, die ihm zur Konfirmation ein astronomisches Fernrohr schenkte. Er stand am Fenster, richtete es auf den Mond, und sagte: da will ich hin, und sein Berufsziel stand seitdem fest: Weltraumpionier. In seiner Klasse wurde er ausgelacht: wie willst du denn da hin? Na mit einer Rakete natürlich!

Braun Rak Flugplatz Rdf A

Braun ReinickendorfBild 11 und 12. Auf dem Raketenflugplatz Berlin-Reinickendorf begann 1930 das "Abenteuer" Rakete. Gelegen auf dem heutigen Flugplatz Tegel in der Cité Pasteur. Wernher von Braun zählt zu den "Narren von Tegel". Bild 13 (unten). Hier fing alles an: "Raketen-Aufsichtsbaracke", Abschussturm, Erdwälle, weit weg von allen Siedlungen. Das Gelände war Teil der Jungfernheide. Rudolf Nebel (1894-1978), der Begründer des Raketenflugplatzes, schrieb das Buch "Raketenflug" (1932).

Braun Raketenflugplatz Berlin

Mit 17 Jahren schloss er sich dem „Verein für Raumschifffahrt“ auf dem „Raketenflugplatz“ Berlin-Reinickendorf an (auf dem Gelände des jetzigen Flugplatzes Tegel). 60 m hoch flogen die Projektile der „Narren von Tegel“, wie sie sich nannten. Nach dem Abitur 1930 Industriepraktikum bei der Firma Borsig in Tegel und Studium an der TH Berlin.

Die Gipfelhöhe der Mini-Rakete „Mirak“ von 2000 m erregte die Aufmerksamkeit des Hauptmanns Dornberger vom Heereswaffenamt, und von Braun wurde als 19-jähriger Zivilangestellter in die Dienste des Militärs übernommen, um in seiner als geheim eingestuften Doktorarbeit über „Konstruktive, theoretische und experimentelle Beiträge zu dem Problem der Flüssigkeitsrakete“ die Grundlagen des Antriebs einer Flüssigkeitsrakete zu entwickeln. Das Heer hat zweifellos die Schaffung einer Waffe im Auge, während von Braun in unbekümmerter Leichtgläubigkeit das Bündnis als goldene Gelegenheit betrachtet, Raketen für die Erforschung des Weltraums zu bauen. Fast sein ganzes Leben hindurch bestand ein Zwiespalt zwischen dem, was er wollte und dem, was er tat.

 

Braun Brenn-Kammer 1ABraun MischköpfeBild 14 (links). Der Antrieb: die bauchige Brennkammer, oben die Sauerstoff-Turbopumpe mit den Leitungen zu den Mischköpfen, unten die erweiterte Schubdüse. 

Bild 15 (rechts). Die Einspritz-Mischköpfe:große Löcher für Sauerstoff, kleine Löcher (links oben) für Brennstoff.

Zwei Jahre nach seiner mit „ausgezeichnet“ bewerteten Doktorarbeit legten Dornberger und von Braun 1936 die Merkmale der später erfolgreichen Rakete A4 fest: Transport von 1000 kg Sprengstoff über 250 km mit Überschall-Geschwindigkeit, also mit mehr als 1220 km/h. Es stand fest, dass die Industrie kein Geld für Weltraumprojekte gab. An von Brauns Idee bestand nur dann Interesse, wenn er eine Waffe daraus machte. Das Festhalten an seinen Vorstellungen von der Raumfahrt führte über eine Massenvernichtungswaffe. Kein Staat hat technischen Erfindern jemals im Frieden so bereitwillig soviel Geld gegeben wie im Krieg. So war es mit dem Radar, der Atomkraft und eben auch mit der Weltraumfahrt. Es gab für ihn nur die Alternativen: sich mit den Militärs verbünden oder die Pläne in der Schublade lassen und zusehen, wie andere sie in ähnlicher Form verwirklichen. 1937 wurde von Braun technischer Direktor des Raketenzentrums Peenemünde, wo er die A4 bis zur Flugfähigkeit 1942 entwickelte.

Let´s go west! Für von Braun und sein Raketenteam gab es kurz vor dem Einmarsch der Russen in Peenemünde nur eine Parole: let´s go west! Trotz seiner Zugehörigkeit zur Nazi-Partei und zur SS (der rücksichtslosesten Truppe der Nazi-Diktatur) und trotz seines Einverständnisses mit der tausendfältigen Zwangsarbeit von Insassen der Konzentrationslager bei der Serienproduktion der Rakete ab 1943 gab es 1945 für die Amerikaner keine Bedenken, von Braun und 118 deutsche Raketenfachleute im Rahmen der Aktion „Paperclip“ an der Einwanderungsbehörde vorbeizuschleusen und ihnen in Huntsville/Alabama/USA die Aufgabe, eine amerikanische Rakete zu bauen, zu übertragen. Einigen Amerikanern ging von Brauns Seitenwechsel zu schnell, zu glatt, hatte er doch Hitler in seinem gnadenlosen Angriffskrieg geholfen, ließ 1350 V2-Raketen in London ein nie gekanntes Ausmaß an Zerstörung anrichten.

In Amerika war es jedoch wieder nichts mit dem Weltraum. Seit Beginn des Koreakrieges 1950 bauten von Braun u. Co. schon wieder Waffen: die Redstone war ein direkter Abkömmling der A4, und die Jupiter C war eine Redstone mit zwei zusätzlichen gebündelten Feststoffraketen.

Braun Sputnik BBraun Kennedy1963Bild 16. 1957: Der russiche Sputnik ist zuerst im All, macht piep-piep, versetzt die USA in eine Schockstarre.  Bild 17. von Brauns Stunde ist gekommen: mit President John F. Kennedy 1962 "....in 10 Jahren auf dem Mond". 

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Braun Houston ZentraleBraun Apollo11c

Bilder 18 bis 21. Juli 1969: Der Triumph des Wernher von Braun. Mission Apollo 11: seine Saturn V startet zum Mond. Edwin Aldrin auf dem Mond, fotographiert von Neil Armstrong ....one giant leap for mankind. Die Kommandozentrale in Houston. Im Triumph durch Huntsville/Alabama.

Der Mond. 1957 war jedoch das entscheidende Jahr für von Brauns Weltraumziele. Den Russen gelang im Oktober der Start des Sputnik, des ersten künstlichen Erdsatelliten mit einer Wostok-Rakete, ebenfalls einer A4-Weiterentwicklung unter dem ehemaligen Peenemünder Ingenieur Helmut Gröttrup. Das „piep-piep“ des Sputnik löste in den USA Entsetzen aus. Hektisch wurde im Dezember die rein amerikanische Marinerakete „Vanguard“ aufgebaut. Sie sollte einen geophysikalischen Forschungssatelliten ins All befördern … und explodierte beim Start.

Da war die Stunde Wernher von Brauns gekommen. Seine A4 war erprobt und in Amerika lediglich weiterentwickelt worden. Jetzt zahlte sich aus, was ihn charakterisierte: technische Begabung, Optimismus, Erfahrung, Organisationstalent und die Kraft, ein Team zu schmieden, die Arbeitsgebiete klar abzugrenzen nach dem Grundsatz: persönliche Einmischung nur wenn nötig. Er verstand es auch ausgezeichnet, schnell von der Wissenschaftler- in die Verkäuferrolle zu schlüpfen; denn seine Weltraumträume mussten verkauft, die Gleichgültigkeit der Staatsbürokratie überwunden und der öffentliche Unglaube besiegt werden. Und er arbeitete auch sehr gut mit den Universitäten Caltech und Iowa, die den Satelliten bauten, zusammen. Sein Vater sagte: ich weiß gar nicht, woher er seine Talente hat. Damit verkörperte er am besten den Trieb des Menschen, über den Planeten hinaus zu gelangen. Huntsville wird „Peenemünde-Süd“ genannt, und das Wohngebiet der Deutschen heißt im Volksmund „Sauerkraut Hill“. 3300 Wissenschaftler und Ingenieure arbeiten nun für von Braun, aber die Top-Leute sind ohne Ausnahme alte Peenemünder, alles Enthusiasten, die dem Raumfahrttraum verfallen sind. Im Januar 1958 brachte er mit seiner Jupiter C den Erdsatelliten „Explorer I“ in eine Erdumlaufbahn und schoss damit die USA in das Weltraum-Zeitalter, die Grenze zum Weltall war überschritten. Als Nationalheld und Ehrenretter bekam er vom Präsidenten Kennedy grünes Licht für die Mondmission „Apollo“ mit seiner 3-stufigen Rakete „Saturn V“.

Braun Saturn V public domain Urheber NASA ABild 22. Der Vater der Weltraumfahrt vor seiner Saturn V-Rakete.

1960 wurde er Direktor des George C. Marshall Space Flight Center in Huntsville für die NASA (National Aeronautics and Space Administration). Sein größter Triumph im Juli 1969 mit Apollo11: das Lunar Module „Eagle“ ist im Meer der Ruhe gelandet! „…one giant leap for mankind“ (ein riesiger Schritt für die Menschheit), der berühmte Ausruf Neil Armstrongs beim ersten Schritt auf die Mondoberfläche. Von Braun hatte sein ganzes Leben auf diesen Moment gewartet. Bis 1972 folgten fünf weitere Mondlandungen. Mit der internationalen Raumstation ISS, bedient von wieder verwendbaren Raumfähren, ist eine sehr frühe Vorstellung Wernher von Brauns in Erfüllung gegangen.

Erlebt hat er das nicht mehr. In den 1970ern ging vielen Amerikanern auf, dass ihr „Vater der Raumfahrt“ in die schlimmsten Seiten des Nazi-Regimes verstrickt war. So war es unausbleiblich, dass sie, als er seine Schuldigkeit getan hatte, auf Abstand zu ihm gingen. Er starb 1977 in Virginia an Darmkrebs.

Braun Kohnstein 1JPGBraun DoraZeichng1Braun DoraZeichng2Braun DoraZeichng3

Bilder 23 bis 26. Die Schande des Wernher von Braun: Grauenvolle Szenen im Bergwerk Kohnstein des KZ Mittelbau "Dora" bei Nordhausen. Menschen werden durch Arbeit vernichtet und beim kleinsten Vergehen mit dem Tod bestraft. Das alles hat von Braun billigend in Kauf genommen. Er hatte nur sein Ziel "Weltraum" im Auge.

Technik und Verantwortungsbewusstsein. Die Amerikaner haben also das große Ziel der Weltraumeroberung mit Hilfe von Nazi-Technologie erreicht. Sie hätten eigentlich W. v. Braun vor das Nürnberger Kriegsverbrecher-Gericht bringen und alle Nazi-Raketen und Unterlagen vernichten müssen; denn er war Mitwisser, Mittäter und Mit-Schuldiger und hat sein Ziel nur durch die unmenschliche Ausbeutung und Zugrunderichtung von Tausenden von Arbeitssklaven im KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen durchgesetzt. Ein Eingeständnis seiner erheblichen Mitschuld für die mörderischen Zustände in der Fabrik war von ihm nie zu hören.

Braun A4ResteBraun A4 PVII heute BBraun AbschussstelleA4Bild 27. Das blieb übrig – Rest einer A4-Rakete im Kohnstein-Stollen. Bild 28. Peenemünde, Luftaufnahme der Reste des Prüfstandes VII im Jahr 2000, die Natur hat wieder übernommen. Bild 29. Ein Erinnerungsstein auf dem ehemaligen Prüfstand VII.

Wer einmal in den tiefen Produktionsstollen im Kohnstein war, kann annähernd ermessen, wie tief die deutsche Kulturnation gefallen war, 20000 Menschen aus 40 Ländern in grausamster Weise bis zur körperlichen Vernichtung an ihren Welteroberungswaffen arbeiten zu lassen, und das, obwohl allen denkenden Deutschen ab 1943 klar war, dass der Krieg verloren war; oder waren sie zum Denken nicht mehr fähig? Eine Gedenktafel für diese Mitmenschen neben der amerikanischen Fahne auf dem Mond … das hätten die Amerikaner tun sollen. Sie stuften von Braun aber nur als jemanden ein, der sich immer bereitwillig anpasste; die Technologie war ihnen wichtiger als die Ethik. Er wurde fünf Jahre nach dem Tod in die „National Aviation Hall of Fame“ (Nationale Ruhmeshalle der Luftfahrt) der USA aufgenommen. Selten hat soviel Glanz soviel Schatten überstrahlt.

Wernher von Braun: er steht für den krassen Widerspruch, in den eine absolute Technikversessenheit zum ethischen Menschheitsgesetz geraten kann. Kann man, wie er es getan hat, Technik und Verantwortungsbewusstsein voneinander trennen? Kann man seine Seele an das Böse verkaufen, um auf Biegen und Brechen ein Ziel zu erreichen? Die Fragen sind doch einfach zu beantworten, oder? Immanuel Kant, der große Königsberger Denker sagte: Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer Bewunderung: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Wernher von Braun: Den bestirnten Himmel gewonnen, das moralische Gesetz verloren.

Auf seinem Grabstein steht: "Psalm 19, Vers 1": Und der lautet: Die Himmel erzählen die Ehre Gottes und das Firmament verkündigt seiner Hände Werk. Wurde von Braun auf seinem Weg zu den Sternen von der Ehre Gottes geleitet oder vielmehr von seinem grenzenlosen Eigennutz? Gott ehren, heißt das nicht in erster Linie die Würde des Mitmenschen zu achten? Wie konnte er dann um alles in der Welt auf dem Weg zu den Himmeln eine Blutspur hinter sich herziehen? Bei der Umfunktionierung seiner Himmelsrakete zu einer Massenvernichtungswaffe? Wie konnte er dazu schweigen, dass Zehntausende der Mitgeschöpfe Gottes bei der Fabrikation zu Grunde gerichtet wurden? Wie konnte er hinnehmen, dass Tausende seiner abgefeuerten Himmelsgeschosse eine bis dahin nie gekannte Verwüstung anrichteten? Werden wir jemals Antworten auf diese Fragen bekommen?

Die Weiterentwicklung der Weltraumraketen. Die folgenden Bilder zeigen, wie es weiterging nach 1945. Am Anfang stand das Peenemünder Aggregat 4, die A4, sowohl beim amerikanischen, russischen als auch westeuropäischen Raketenprgramm. Die deutschen Komponenten der Rakete und ihres Antriebs blieben bis heute im Prinzip erhalten. Die Schubkräfte haben sich enorm erhöht, ebenso die Leistungen der Turbogruppe.

Braun All GemähldeBild 30. von Brauns Raketen waren das Tor zur Nutzung und Erforschung des Weltalls.

Braun Europ Raketen nach 45 BBild 31. So ging es in Europa weiter: Am Anfang war die A4 (ganz links), die Russen bauten 6 davon abgeleitete Typen bis zur Wostok. Die Franzosen fingen mit der Véronique auf der Basis der A4 an (5. von rechts), holten dann andere Europäer ins Boot und bauten dann noch 4 Typen bis zur Ariane 5 (ganz rechts). Jetzt wird die Ariane 6 entwickelt.

Braun US Raketen nach 45 ABild 32. So ging es in USA weiter: Von der A4 zur Redstone, Jupiter C bis zur Saturn V.

Braun Viking Motor ABraun Viking2 ABraun Viking1 A

Bild 33. Der Viking-Raketen-Motor für die Europa-Rakete "Ariane" mit der Schubdüse.  Bild 34 (oben rechts). Brennstoff-Turbopumpe (rotes Gehäuse), angetrieben von einer Dampfturbine (silbernes Gehäuse).  Bild 35 (unten rechts). Turbopumpe für flüssigen Sauerstoff (gelbes Gehäuse), ebenfalls von der Turbine angetrieben.

Braun vulcain_iiBraun TPO V2Braun TPO Vulcain A

Bild 36. Der Vulcain 2-Raketenmotor für die Ariane 5.  Bild 37 (rechts oben). Die Turbopumpe für den flüssigen Sauerstoff, angetrieben von einer separaten Turbine (rechts im Bild).  Bild 38 (rechts unten). Schnittbild dieser Turbinen-Pumpengruppe. Alle Peenemünder Komponenten sind noch vorhanden.

Braun Vulcain2 MotorBild 39. Vergleich der Raketenmotoren der Ariane 5 (Vulcain 2) von 2011 und von Brauns A4/V2 von 1942. Die wesentlichen Komponenten sind noch heute die gleichen: Die beiden Turbopumpen für Treibstoff und Sauerstoff werden jetzt separat von je einer Turbine angetrieben, Treibmittel ist nicht mehr Wasserdampf sondern das Verbrennungsgas der beiden kryogenischen (Tieftemperatur-) Flüssigkeiten Wasserstoff und Sauerstoff. Der frühere Alkohol ist also jetzt durch Wasserstoff ersetzt worden.

Braun A4 Ariane VergleichBild 40. Ein Vergleich der ersten Weltraumrakete der Welt mit der größten europäischen und der größten amerikanischen Rakete.

Braun Wettersatelliten A

Bild 41. Raketen ermöglichen ein Welt umspannendes System von Wettersatelliten, um vor katastrophalen Wetterereignissen zu warnen und um Daten zu sammeln für die langfristige Entwicklung eines umfassenden Klimamodells. Dies muss alle Einflussparameter enthalten, wie Wolkeneigenschaften, Wasseroberflächentemperaturen, Rückstrahlung von Schnee- und Eisflächen, Pflanzenbedeckung, Feuchteverteilung, Umweltelemente (CO2, Ozon) u.v.a.m. Je nach Messaufgabe werden geostationäre (in 36000 km Höhe) oder polarumlaufende Satelliten eingesetzt, erstere stehen immer über demselben Punkt der Erdoberfläche, letztere haben eine niedrigere Höhe und daher eine bessere Bild-Auflösung.

Ardenne Braun Sat Berechnung

Bild 42. Geostationäre Satelliten stehen immer über demselben Punkt des Äquators, d.h. sie müssen exakt dieselbe Umlaufzeit wie die Erde haben, nämlich 24 Stunden. Das ist dann der Fall, wenn sie eine Höhe von rund 36000 km haben. Fallen sie tiefer, eilen sie der Erddrehung voraus, steigen sie zu hoch, bleiben sie hinter der Erddrehung zurück. Um sie stationär zu halten, brauchen sie eine feinfühlige Regelschubdüse. International wird die geostationäre Umlaufbahn mit GEO bezeichnet: Geostationary Earth Orbit.

Braun Sat 1957Braun Giotto SatBraun Meteor Sat ABraun tv SatBraun Symphonie SatBraun Kopernikus Sat ABild 43. Geophysik, Kometenforschung, Meteorologie, Nachrichtentechnik, Fernsehen: viele Briefmarken erinnern uns daran, wie Raketen- und Satellitentechnik heute in unser Leben eingreifen: Die europäischen Satelliten Giotto, Meteor, Kopernikus, Symphonie...

Braun Galileo ABraun Meteosat ABraun EnvisatBraun Sentinel

Bilder 44-47. Vier Satellitenmodelle: a) Galileo, einer der künftigen 30 europäischen Navigationssatelliten.  b) Meteosat (meteorological satellite, second generation), Wettersatellit. c)  Envisat (environmental satellite), der Öko-Polizist im Weltraum überwacht das Ökosystem der Erde und der Atmosphäre.  d) Sentinel, zuständig für Überwachung von Katastrophen, Überschwemmungen, Waldbränden, Vulkanausbrüchen, Erdrutschen. Weitere, nicht im Bild gezeigte Satelliten: TerraSAR-X erstellt ein weltweites Höhenmodell der Erdoberfläche, GOCE misst den Einfluss des Schwerefeldes auf die Meeresströmungen, SMOS misst die Bodenfeuchte und den Salzgehalt der Meere, CryoSat-2 misst die Veränderung der Eisschilde und die Verbreitung des Meereises.

Braun ISS 2011 gemeinfrei Urheber Nasa A

Braun Wappen ISS.svgBraun ISS Position

Bild 48. Die ISS (International Space Station), der Star der Weltraumtechnik, betrieben von: NASA (USA), Roskosmos (Russland), ESA (Europa), CSA (Kanada), JAXA (Japan). Seit 1998 in Betrieb, ca. 380 km hoch, 91 Min. pro Erdumlauf, Größe 110 x 100 x 30 m, 455 t schwer, 28000 km/h Relativgeschwindigkeit, verliert durch Reibung an der Restatmosphäre ca. 100 m Höhe pro Tag, muss durch Raketenschub ausgeglichen werden, seit 9/2000 dauernd besetzt, bisher von 202 Personen (davon 7 Weltraumtouristen) besucht (2011), soll bis 2020 in Betrieb sein. Den Nachschub besorgen die Raumtransporter Space Shuttle (bis August 2011), Progress, ATV (Automated Transfer Vehicle, Europe, seit 2008, 1x pro Jahr), HTV (Japan seit 2009). Bild 49. Offizielles Wappen der ISS. Aus Westeuropa nehmen teil: D, F, DK, NL, B, I, N, S, CH, E. Bild 50. Auf "heavens-above.com" kann man die Position der ISS verfolgen. Hier ein Screenshot vom 27.8.2011, 11:38.  Aufgaben, an denen auf der ISS gearbeitet wird: Experimente im luftleeren Raum, in den Bio- und Materialwissenschaften, Teilchenmessung der Höhenstrahlung, Flüssigkeitsforschung, Mikrogravitation, Ökologie, Lebenswissenschaften, Erderkundung, Weltraumforschung u.v.a.m.

Braun Portrait Tegel. AJPGBraun Rede 1975 Neuhof

Bild 51. Das eherne Bildnis des Wernher von Braun im Flughafen Berlin-Tegel. Bild 52. Von Braun 1975 in Neuhof, Kr. Fulda/Hessen während einer Rede in der Schule, die sich seinen Namen gab.

Ehrung oder Verdammung? Es gibt in Deutschland drei Schulen, die seinen Namen tragen/trugen. Die Realschule Rheinstetten bei Karlsruhe hieß bis 2008 Wernher-von-Braun-Schule. Danach wollten sie nicht mehr diesen Namen tragen. Das Gymnasium in Friedberg bei Augsburg hat beschlossen, den Namen des Vaters der Weltraumrakete beizubehalten. Schwere Diskussionen gab es an der Wernher-von-Braun-Schule in Neuhof, Kr. Fulda. Nachdem bekannt wurde, wie stark ihr Namensgeber von 1975 in die Nazi-Gräueltaten verwickelt war, veranstalteten sie Schülerfahrten nach Peenemünde und zum Kohnstein bei Nordhausen. Die Schulkonferenz entschied sich 2010, nach eingehender Befragung der Schüler, Eltern und Lehrer für die Beibehaltung des Namens und für eine kritische Auseinandersetzung auch mit den dunklen Seiten des Wernher von Braun.

Die Sache wäre zweifellos anders verlaufen, wenn die Amerikaner nach dem Krieg gründlicher recherchiert und von Braun vor ein Kriegsverbrechergericht gestellt hätten. Sie setzten sich jedoch über alle Bedenken hinweg, die Nazi-Technologie für sich zu nutzen, da sie mehr als zehn Jahre gegenüber der deutschen Raketenentwicklung zurücklagen und der nächste Feind schon auf dem Plan war.

Trotz seiner engen Verstrickung in die Gräueltaten der Nazis war Wernher von Braun aber ohne Zweifel der Ingenieur, dessen Jahrhundert-Erfindung den Weltraum zu unser aller Nutzen erschlossen hat. Sein Pakt mit dem Teufel machte ihn zum ersten Pionier der Raumfahrt, dessen wissenschaftliche Leistung unser aller Leben verändert hat. Ohne seinen leidenschaftlichen Einsatz für die Weltraumfahrt hätten wir all die Dinge, auf die wir nicht mehr verzichten wollen, erst eine Generation später bekommen: Wetter-, Erd- und Umweltbeobachtung, Nachrichten- und Fernsehübermittlung, Navigation, Vermessung, Überwachung, Erforschung des Sonnensystems und ferner Galaxien und beobachtender Vorstoß bis zum Ursprung des Kosmos … und das alles aus dem All.

Braun erde-blue-marble-apollo17

Bild 53. Das berühmte Foto der Apollo17-Crew vom 7. Dezember 1972: blaue Murmel auf schwarzem Samt. So sahen die Astronauten ihre 45000 km entfernte Heimat als sie mit rasender Geschwindigkeit dem Mond entgegen schossen. Die Menschen reckten bis dahin immer nur den Kopf zum Himmel, jetzt schauten sie "von oben" auf die Erde. W. von Brauns Technologie machte diesen Blick möglich. Das Bild zeigt Afrika, die Wiege der Menschheit, von wo aus die Menschen alle Kontinente eroberten, und die jetzt auch ins Weltall hinausfliegen.

Wie charakterisieren die Amerikaner die Weltraumfahrt auf einer Briefmarkenserie? Understanding the sun, exploring the moon, comprehending the universe, probing the planets, benefitting mankind.

Nachtrag.

Ein Besuch auf dem Prüfstand VII in Peenemünde auf der Insel Usedom im Jahr 2013. Ohne den ist die Geschichte der deutschen Weltraumrakete in Peenemünde unvollständig.

Braun P7

Bild 54. Besuch des Prüfstandes VII, oder was davon übrig ist. Der elliptische Ringwall ist überwuchert, aber noch gut zu erkennen, der Gedenkstein steht genau an der Abschussstelle der A4-Raketen. Die vom Wall eingeschlossene "Arena" bildet eine ebene Fläche, die von hohem Gras bedeckt ist. Hinter dem Gedenkstein liegt die jetzt mit Grundwasser gefüllte Rinne für das Wasser, das die heißen Abgase beim Start der Rakete kühlen musste. Ab 1. Juni 1942 wurden hier die ersten Versuche mit der A4 durchgeführt, es gab drei Fehlversuche vor dem erfolgreichen Start am 3.Oktober 1942. In der Vorbereitungshalle hatten mehrere auf Verschiebebühnen fahrbare Prüftürme Platz. Mit den senkrecht eingehängten Raketen werden sie auf Schienen zur Abschussstelle gefahren.

Der genius loci. Wenn man nach vielen Schwierigkeiten am Prüfstand VII angekommen ist und genau an der Abschussstelle steht, umweht einen der "genius loci", der Geist des Ortes. Da steht sie, die erste Weltraumrakete, die eine bis weit in die heutige Zeit reichende Geschichte machen sollte, 14 m hoch, 13 Tonnen schwer, Triumph deutscher Technologie. Man hört die Lautsprecherdurchsagen: X minus 3, noch drei Minuten bis zum Start, X minus 2, die Spannung steigt, X minus 1, Zeit läuft. Die Peenemünder Minute dehnt sich endlos. Noch zehn Sekunden, Zündung! Funkenregen aus der Düse, verdichtet sich zur Flamme, ein rotgelber Gasstrahl. Die dicken Kabel lösen sich von der Rakete, die jetzt auf die eigenen Batterien umgestellt ist. Der letzte Hebel wird umgelegt. Abgehoben! Nach einer Sekunde erreicht der Schub 250 000 N. Ruhig und sicher hebt sich die Rakete vom Abschusstisch. Sie steigt höher und höher: ...völlig losgelöst von der Erde.... Die aus dem Heck jagende Flamme ist so lang wie die Rakete, gewaltiger Donner ist die Begleitmusik zu diesem Sieg der Technik. Nach fünf Sekunden erfolgt die Umlenkung von der senkrechten in die östliche Richtung, nach 25 Sekunden erreicht die Rakete Schallgeschwindigkeit, nach 59 Sekunden ist Brennschluss. In einer weit gestreckten Parabel mit einem Scheitelpunkt von 85 km Höhe und einem 190 km entfernten Zielpunkt im Meer fliegt das Wunderding in einer mittleren Entfernung von 30 km an der pommerschen Küste entlang, vermessen von diversen, am Ufer aufgebauten Kinotheodolit-Stationen. Flugkapitän Steinhoff verifiziert mit seiner He 111 die Einschlagstelle im Meer, die nach fünf Minuten erreicht wurde, nördlich von Hinterpommern, kenntlich durch die hellgrüne Farbe aus mitgeführten Farbbeuteln. Ein neues Zeitalter hat begonnen, das uns den Weltraum zu unser aller Nutzung erschließen wird, das aber zunächst durch die grauenvolle Dunkelheit des Krieges geprägt wird, die von den beiden größten Massenvernichtungswaffen mitbestimmt ist, der A4/V2 und der Atombombe. Die Gedanken schweifen nach Cape Canaveral, Baikonur, Kourou... Wie mit unsichtbaren, aber sehr realen Fäden ist Peenemünde mit diesen Weltraumbahnhöfen verbunden.

Was sollten wir tun? Titel „Weltkulturerbe“ für Prüfstand VII? Wir Deutschen sind wahre Meister in der Verdrängung alles Unliebsamen, ohne dass wir einen wirklichen Bezug zur real bestehenden Geschichte herstellen. Wir nutzen die Errungenschaften, die aus den positiven Wirkungen von Ereignissen hervorgegangen sind und begrüßen ihre Einflüsse auf unsere Zivilisation, unsere gesellschaftliche, wissenschaftliche, ökonomische und ökologische Entwicklung. Aber wir verdrängen es, wenn die Ereignisse auch schwer wiegende negative Auswirkungen hatten.

Es ist wahr, dass der Weg zu den Errungenschaften der Weltraumtechnik, die uns allen zugute kommen, über eine furchtbare Massenvernichtungswaffe führte, mit Zehntausenden Toten und unendlichem menschlichen Leid. Trotzdem nutzen wir die immensen Möglichkeiten, die uns der Weltraum bietet: Geophysik, Weltraumforschung, Meteorologie, Nachrichtentechnik, Fernsehen, GPS-Ortung, Überwachung des Ökosystems der Erde und der Atmosphäre, von Katastrophen, Überschwemmungen, Waldbränden, Vulkanausbrüchen, Veränderung der Eisschilde, Verbreitung des Meereises…

Die höchste Ambivalenz menschlichen Handelns zum Guten wie auch zum Bösen zeigt sich ganz besonders deutlich am Prüfstand VII in Peenemünde. Größenwahn und Menschenverachtung eines Unrechtsystems durch den Missbrauch menschlicher Arbeit sind hier untrennbar verknüpft mit der Genialität menschlichen Erfindergeistes, der hier an diesem Ort einen technologischen Triumph feierte, der in seiner Nachhaltigkeit nicht nur bis in unsere Zeit andauert, sondern noch weit in die Zukunft hineinreichen wird.

Die UNESCO verleiht den Titel „Weltkulturerbe“ an Stätten, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit weltbedeutend sind. Einige der Kriterien lauten: Die Stätte ist: ein Meisterwerk menschlicher Schöpfungskraft, ein hervorragendes Beispiel für ein technologisches Ensemble, das einen bedeutsamen Abschnitt der Geschichte der Menschheit versinnbildlicht, mit Werken von außergewöhnlicher universeller Bedeutung verknüpft.

Obwohl er eine ungeliebte Hinterlassenschaft der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ist, treffen diese Kriterien Nr. 1, 4 und 6 der UNESCO für die Einstufung zu einem Weltkulturerbe auf den Prüfstand VII zu. Auch ohne offizielle Beglaubigung hat er diesen Status längst, als Denkmal in der Menschheitsgeschichte.

Also los, Deutschland, schlagen wir den Titel „Weltkulturerbe“ für den P-VII vor! Verdrängen wir nicht länger das Unliebsame! Stehen wir zu den dunklen, aber auch zu den hellen Seiten unserer Geschichte! Wir sollten beide nicht länger verschweigen und schuld- aber auch selbstbewusst mit unserer Vergangenheit umgehen.

Überzeugen wir die Gegner, die Bedenkenträger, die Betroffenen, die Naturbewegten; auch sie benutzen die Errungenschaften der Satellitentechnik, auch sie schauen fern über ihre Sat-Schüssel, steuern ihr Auto mit dem GPS-Navi, begrüßen die Überwachung der Meeresverschmutzung und die Taifunbeobachtung aus dem All. Das alles begann mit Wernher von Brauns A4-Rakete genau hier auf dem Prüfstand VII, der Wiege der Raumfahrt und der Nutzung des Weltalls zu unser aller Wohl. Und diese einmalige Stätte sollte nicht erhalten werden als Denkmal eines triumphalen technologischen Erfolgs, für uns und die kommenden Generationen?

Peenemünde – ein deutsches Erbe, soll die Wiege der Raumfahrt im Ostseesand versinken? Wie sieht jedoch die gegenwärtige Situation am P-VII aus? Von staatlicher Seite besteht keinerlei politischer Wille, das Gelände von Munitionsresten zu befreien, den Wildwuchs und die natürliche Erosion zu stoppen und einen museumspädagogischen, naturverträglichen Pfad zum P-VII anzulegen. Als Sofortmaßnahme könnte man einen der vorhandenen Betonwege zum P-VII, auf denen keinerlei „Lebensgefahr“ durch Munitionsbelastung besteht, einzäunen und für die Öffentlichkeit freigeben. Dafür müsste noch nicht einmal eine Munitionsräumung vorgenommen werden. Wollen wir es allen Ernstes dabei belassen, dieses geschichtlichen Top-Ereignisses nur mit einem mickrigen Felsstein zu gedenken, der nur zu erreichen ist, wenn man eine Ordnungswidrigkeit in Kauf nimmt? Diverse Löcher im Zaun um das Sperrgelände beweisen, dass nicht wenige dieses Vergehen auf sich nehmen.

Da der Bund und das Land Mecklenburg-Vorpommern keine Initiative für eine naturverträgliche Denkmalpflege des Geländes entwickeln, sollte aber die „Projektgruppe Technikmuseum Peenemünde“, die sich seit 2009 u.a. die Wiederherrichtung des Raketenprüfstandes VII zum Ziel gesetzt hat, staatlicherseits mit Geldmitteln kräftig unterstützt werden. Über ein reichliches „return on investment“ braucht man sich keinerlei Gedanken zu machen, denn das Interesse am Besuch dieser Stätte, besonders auch von ausländischer Seite, ist sehr groß.

Bildnachweis.

1, 3, 5: Eigene Fotos, Historisch-Technisches Informationszentrum Peenemünde, 2008. 2: Umrahmung Postwertzeichen, Bolivien, 1977. 4: Eigenes Foto, Flughafen Berlin-Tegel, 2010. 6-9: Eigene Texte und Zeichnung. 11: Aus: V. Bode, G. Kaiser: Raketenspuren, Bechtermünzverlag, 1999, mit eigenen Ergänzungen. 10, 12 : Eigene Fotos, Historisch-Technisches Informationszentrum Peenemünde, 2008. 13: Eigene Fotos "Last Call TXL", Ausstellung Heimatmuseum Berlin-Reinickendorf, 2012. 14: Eigenes Foto, Luftwaffenmuseum der Bundeswehr, Berlin-Gatow, 2010. 15, 16: Eigene Fotos, Historisch-Technisches Informationszentrum Peenemünde, 2008. 17-19: Wikipedia, Public domain, Urheber NASA. 20: Eigenes Foto Lyndon B. Johnson Space Center, Houston, 1997. 21: www.ost-west.com/Profile/Profil Technik. 22: Public domain, Urheber NASA. 23-27: Eigene Fotos in KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Nordhausen, 2009. 28: Foto Adrion, 23.6.2000. 29: www.urlaubs-insel-usedom.de/usedom_reisefuehrer/peenemuende_pruefstand_7.htm. 30: Eigenes Foto im Hotel Baltic, Usedom, 2008. 31-35: Eigene Fotos am 1./2.8.2011 im Deutschen Museum München, Gestattungsvertrag für Bildaufnahmen vom 12.7.2011. 36: Wikipedia, GNU Lizenz für freie Dokumentation, Source: Stahlkocher. 37: ESA - Bild freigegeben, auch bei Ley/Wittmann/Hallman, Handbuch der Raumfahrttechnik. 38: aus K. Holmedahl: Analysis and Testing of the Vulcain2 LOX Turbine Blades for Prediction of High Cycle Fatigue life. Space Propulsion Division, Volvo Aero Corporation SE-461 81 Trollhättan, Sweden. 39: Links Informationszentrum Peenemünde.Internet mit eigenen Ergänzungen, Quelle unbekannt, rechts aus pdf-Flyer Vulcain2, Space Propulsion, Snecma Communications Department, 2009. 40: Eigene Tabelle. 41: Eigenes Foto ILA 2010, Berlin. 42: Eigene Berechnung. 43: Public domain. 44-47: Eigene Fotos ILA 2010, Berlin. 48, 49: Gemeinfrei, Urheber NASA. 50: Screenshot "heavens-above.com". 51: Eigenes Foto Flughafen Berlin-Tegel, 2010. 52: Screenshot Homepage Wernher-von-Braun-Schule Neuhof. 53: Wikipedia, Foto der Nasa, gemeinfrei. 54: unten eigene Fotos 2013, oben eigene Fotos, Historisch-Technisches

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 11. Dezember 2013 um 15:34 Uhr